Lass mich dich überzeugen, dass ein Glaswürfel voll Pisse, ein Haufen Bonbons, ein umgedrehtes Urinal und ein Mülleimer voll blutiger Binden und Tampons tatsächlich nicht für die Tonne, sondern Kunst ist. Diese Kunstwerke haben eins gemeinsam: sie provozieren und fordern unser Kunstverständnis heraus. Nehmen wir sie genauer unter die Lupe!
200 Tage lang hat Cassils den Glastank mit eigenem Urin aufgefüllt, weil der Zugang zu öffentlichen Toiletten durch diskriminierende Richtlinien eingeschränkt war. Auslöser war die Rücknahme einer Obama-Verordnung durch Trump, die es Transgender-Schülern erlaubte, die Toilette zu benutzen, die ihrer gewählten Geschlechtsidentität entspricht. Der Urintank verdeutlicht die physische Belastung, die auf einem einzelnen Körper lastet, wenn man nirgendwo sicher zur Toilette gehen kann und es bis nach Hause halten muss. PISSED steht für „pissed off“ über diesen unzumutbaren Zustand.
Der Haufen aus 79 kg Bonbons steht symbolisch für das gesunde Körpergewicht, dass der Lebenspartner des Künstlers vor seiner AIDS-Erkrankung hatte. Die Museumsbesucher werden aufgefordert, ein Bonbon von dem Haufen zu nehmen. So schwindet der Haufen Stück für Stück, bis nichts mehr davon übrig ist. Eine Allegorie zum Tod seines Geliebten und zur gesellschaftlichen Ignoranz der zahlreichen Todesopfer der AIDS-Pandemie.
Im Jahr 1917 stellte Marcel Duchamp ein um 90 Grad gekipptes Urinal aus. Seiner ursprünglichen Funktion beraubt und mit einer Künstlersignatur versehen, stellte das Urinal den damaligen Kunstbegriff in Frage. Der Titel suggeriert sogar eine neue Funktion als Brunnen. Es zählt zu der Kunstreihe der Ready-Mades, eine Auswahl an alltäglichen Gegenständen, die allein durch ihre Präsentation zu Kunst werden.
Wie kann ein Mülleimer voller blutiger Binden und Tampons Kunst sein? Es ist ein Anblick, den jede menstruierende Person kennt, doch hinter verschlossenen Türen bleibt. Judy Chicago bricht mit ihrem Werk das Tabu und fordert einen offenen Diskurs über die Monatsblutung. Menstruationsblut als Kunstmaterial wird inzwischen von weiteren Künstler:innen gesammelt, um damit zu malen. Es soll die Menstruation normalisieren und den Betrachtenden den Ekel nehmen.
Kunst muss weder gefallen, noch verstanden werden.
Sie darf irritieren, wütend machen, verstören oder einfach nur schön sein.
Mal ist sie ein Spiegel der Gesellschaft, mal ein Schlag in die Magengrube.
Oder nur ein Urinal, das uns mit leerem Blick zurücklässt.
Bevor du das nächste Kunstwerk als Müll abtust: halte kurz inne.
Frag dich: Warum regt es mich auf?
Was lehnt mein Inneres ab: das Werk oder meine Vorstellung von Kunst?
Wenn es dich kalt lässt, dann such weiter.
Kunst, die dich berührt, ist da draußen.
Du musst sie nur finden; oder sie findet dich.
Eure dichtende Designerin Alexia
Welche Kunstwerke sind euch begegnet, die ihr nicht als Kunst erkannt habt?





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