Ist das Kunst oder kann das weg? Diese Frage habe ich mir das erste Mal mit zehn Jahren gestellt. Ich stand vor einer Glasbox voller getragener Unterwäsche in der Pinakothek der Moderne. Ein Schild informierte, es handle sich um eine Leihgabe mit dem geschätzten Wert von einer halben Millionen Dollar. „Das ist doch keine Kunst, oder?“, fragte ich meinen Opa irritiert. Er neigte nachdenklich den Kopf. Zuvor haben wir uns in der Alten Pinakothek alte Ölgemälde angeschaut. Rubens, Dürer, Bosch. Mein Opa malt selbst mit Ölfarben und Pastellkreide, von Früchten über Tierporträts bis Aktmalerei. „Das ist Kunst, die ich nicht verstehe“, lautete sein diplomatisches Urteil. Heute weiß ich: die Frage was Kunst ist und was nicht, sagt oft mehr über uns selbst aus als über das Werk, das wir betrachten.
Warum fühlen wir uns ermächtigt, darüber zu urteilen, was Kunst ist und was nicht? Man erinnere sich an den Begriff „Entartete Kunst“, die ideologische Abwertung und Diffamierung von modernen Kunstwerken, die nicht dem Weltbild der Nationalsozialisten entsprach. Diese kulminierte 1937 in einer Ausstellung im Haus der Kunst München mit beschlagnahmten Werken von u. A. Paul Klee und Wassily Kandinsky. Kunst als Müll zu bezeichnen hat also rein historisch betrachtet einen faschistischen Ursprung. Ein klarer Fall solcher rechtsradikalen Kunstzensur ist, als vor zwei Jahren der US-Governeur von Tennessee Drag Shows im öffentlichen Raum gesetzlich verbot. Kunst hat die Macht, Politik zu hinterfragen.Das Zentrum für Politische Schönheit fällt öfters mit künstlerischen Aktionen auf, die politische Missstände anprangern und öffentlichkeitswirksam inszenieren.
Wie bemisst sich der finanzielle Wert von Kunst? Kuratoren, Auktionshäuser und Museen entscheiden, was als wertvoll gilt; sie sind die Gatekeeper des Kunstbetriebs. Social Media hat Kunst demokratisiert. Jede:r kann jetzt der Welt die eigene Kunst zugänglich machen und auch verkaufen. Warum wird auf Merchandiseartikel wie Kunstdrucke, Sticker, T-Shirts usw. herabgesehen? Viele Kleinkünstler:innen verdienen sich darüber ihren Lebensunterhalt. Nur die wenigsten Menschen leisten sich ein teures Originalkunstwerk.
Kunst hat exakt den finanziellen Wert, den wir ihr beimessen. Ein absurdes Beispiel ist die von Maurizio Cattelan an die Wand geklebte Banane, die für 6 Millionen Dollar versteigert wurde. Vielleicht erkennst du nur eine Banane für 20 Cent. Doch der Kryptowährungsunternehmer Justin Sun begründete seine Kaufentscheidung so: „Das ist nicht nur ein Kunstwerk. Es stellt ein kulturelles Phänomen dar, das die Welten der Kunst, der Memes und der Kryptowährungscommunity überbrückt.“
Kunst hat auch einen emotionalen Wert. Die Kritzelei eines Kindes ist daher für die Eltern wertvoll. Ein Kunstwerk sollte bei näherer Betrachtung eine Emotion in dir auslösen. Erinnere dich, wann du zuletzt beim Anblick eines Werkes geschmunzelt oder die Stirn gerunzelt hast. Manche Werke schreien dich an. Andere flüstern und manche schweigen, aber lassen dich nicht los. Gescheiterte Kunst ist nicht, wenn es Wut oder Unverständnis in dir hervorruft, sondern wenn es belanglos ist. Wenn du achselzuckend weiter gehst, doch die Person hinter dir stehen bleibt. Kunst ist mehr als das, was du siehst.
Performance Art zelebriert den Prozess, das Ergebnis ist flüchtig. Von Sandmalerei, die beim nächsten Windhauch vergeht bis zu Tanzaktionen. Als Zuschauer wird man hineingezogen in den Schaffensprozess. Kunst transformiert den Moment. Aus dem Erlebnis wird eine Erinnerung erschaffen. In einer spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft, die ergebnisorientiert agiert, werden wir selten mit diesem Gedanken konfrontiert.
Letzten Monat schlenderte ich durch eine Kunstausstellung und blieb verwirrt vor einem Brocken Rohbeton stehen. Es irritierte mich, denn solch einen Anblick erwarte ich eher auf einer Baustelle. Das soll Kunst sein? Vielleicht verrät mir der Titel des Kunstwerks mehr? Ich trat näher, um die Plakette zu lesen, doch mir schlug ein nichtssagendes „ohne Titel“ entgegen. Frustriert blätterte ich durch den Ausstellungskatalog, auf der Suche nach einer Erklärung. Das Kunstwerk war dort zwar gelistet, aber nicht erklärt. Genervt wandte ich mich an die Museumsmitarbeiterin und frage sie, was sich der Künstler dabei gedacht hat. Sie zuckte gelangweilt mit den Schultern und erwiderte: „Da ist wohl Ihre Interpretation gefragt.“
In meiner Verwirrung offenbart sich mir eine Wahrheit: Kunst ist, was wir daraus machen. Das Werk forderte mich auf, mir meine eigenen Gedanken zu machen. Es diente als Projektionsfläche, meine eigene Perspektive zu hinterfragen. Das fiel mir in dem Fall ehrlich gesagt ziemlich schwer. Ich wandte mich lieber einem anderen Kunstwerk zu, das mir besser gefiel. Eine Stickerei von Louise Bourgeois, die Selbstmitleid humorvoll hinterfragt.
Kunst muss nicht gefallen. Sie muss auch nicht verstanden werden. Sie darf irritieren, wütend machen, verstören oder einfach nur schön sein. Manchmal ist sie ein Spiegel. Manchmal ein Schlag in die Magengrube. Und manchmal nur ein Betonklotz, der uns mit leerem Blick zurücklässt.
Bevor du das nächste Kunstwerk als Müll abtust: halte kurz inne. Frag dich: Warum regt es mich auf? Was lehnt mein Inneres ab: das Werk oder meine Vorstellung von Kunst? Wenn es dich kalt lässt, dann geh weiter. Kunst, die dich berührt, ist da draußen. Du musst sie nur finden; oder sie findet dich.

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