Ich habe mich nackig gemacht,
denn Gedichte vortragen ist ein Seelen-Striptease.
Meine Hände zittern, meine Stimme auch und ich bekomme Schweißausbrüche.
Warum habe ich mich in die offene Liste des Poetry Slams eingetragen?
Für einen Moment bereue ich meine Entscheidung.
Über ein Jahr habe ich mit meiner Angst gerungen.
Allein die Vorstellung, einen solch intimen Text vor Publikum vorzutragen,
hat mir schlaflose Nächte bereitet.
Verdammt, ich habe doch in meiner Schulzeit zehn Jahre lang Theater gespielt!
Ich kann das; auf einer Bühne stehen und fürs Publikum performen.
Lass mich nur bitte nicht Erste sein, bete ich leise.
„Und wir bitten als erste Vortragende Alexia Selbach auf die Bühne!“
Ah, ich wusste es! Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Ich stolpere auf die Bühne und blinzle gegen das grelle Scheinwerferlicht.
Hundert Augenpaare blicken mich erwartungsvoll an.
Suchend blicke ich mich nach meinem Ehemann und meinen Freunden um.
Sie lächeln mir aufmunternd zu und heben ihre Daumen.
Meine Freundin kreischt laut: „Wuhu!“, was mir dezent peinlich ist.
Ich atme tief durch, trete näher an das Mikrofon, und beginne:
„Ich bin nackt, das ist ein Fakt. Trete nicht mehr in Kontakt …“
Mit jeder Zeile wird meine Stimme fester, ich stehe gerader,
konzentriere mich nur auf meinen Vortrag und vergesse das Publikum.
Das Publikum klatscht laut Beifall und ich husche auf meinen Platz zurück.
So schnell sind meine drei Minuten vorbei.
Adrenalin und Dopamin pumpt durch meinen Körper.
Ich fühle mich wie elektrisiert. Applaus macht süchtig.
Dieses Gefühl habe ich vermisst.
Entspannt lehne ich mich zurück und lausche den anderen Vortragenden.
So viele wundervolle Texte, über Feminismus, unsere Gesellschaft, Identitätskrisen u.v.m.
Auch wenn ich es nicht bis ins Finale geschafft habe:
Das wird nicht mein letzter Poetry Slam Auftritt bleiben!
Würdet ihr euch trauen, einen eigenen Text auf der Bühne vorzutragen?
Eure dichtende Designerin Alexia
Mein erster Poetry Slam Auftritt

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