Der tägliche Kampf gegen Vorurteile ist zermürbend und energieraubend.
Trotzdem müssen ihn viele Menschen mit psychischen Erkrankungen führen.
Was eine Verschwendung ihrer eh schon knappen Ressourcen ist.
Jeden Tag diese mentale Kapazität aufzubringen, sich vor anderen für die eigene Existenz rechtfertigen zu müssen, lässt einen verzweifeln.
Also knöpfe ich mir heute einige oft gehörte Vorurteile vor und entkräftige diese.
„Kannst du dich nicht einfach mal zusammenreißen?“
Wenn andere wüssten, wie oft man sich zusammenreißt, um funktionieren zu können, würden Sie diese Frage dann noch stellen?
Man kann nicht immer stark sein.
Es gibt schlechte Momente, in denen man keine Kraft dafür hat.
Ich wünsche mir mehr Verständnis und Mitgefühl von meinen Mitmenschen.
„Jeder hat mal schlechte Laune, davon darf man sich nicht unterkriegen lassen.“
Ja es stimmt, jeder hat mal einen schlechten Tag oder eine depressive Verstimmung. Das kann man nicht mit chronischen Depressionen vergleichen, die über Monate oder gar Jahre hinweg andauern.
Jeder depressive Mensch, der sich entscheidet, weiterzuleben, lässt sich nicht unterkriegen.
Es ist weithingehend bekannt, dass jeder zweite Mensch in Deutschland mindestens ein Mal in seinem Leben eine depressive Phase erlebt.
Also sollte ein wertschätzender Umgang mit Menschen, die unter einer depressiven Phase leiden, eine gesamtgesellschaftliche Bestrebung sein.
„Warum bist du so komisch? Sei doch normal.“
Wer bestimmt eigentlich, was normal ist?
Psychisch kranke Menschen verhalten sich anders, als die gesellschaftliche Norm es akzeptiert.
Es ist nicht vertretbar, sie dafür auszugrenzen.
Anschließend an meinen gestrigen Beitrag entkräftige ich weitere oft gehörte Vorurteile. Denn der tägliche Kampf gegen Vorurteile kostet jeden psychisch kranken Menschen Kraft, die er dringend für sich selbst braucht.
Ich kämpfe auch für die, die gerade keine Kraft dafür übrig haben.
„Du bist einfach nur dumm und faul.“
Wenn jemand es eine halbe Stunde nicht schafft, vom Sofa aufzustehen, bewerten wir diesen Menschen als faul.
Der Grund kann aber ein ganz anderer sein: Die exekutive Funktion fehlt, um aufzustehen. Es ist scheinbar unmöglich, aufzustehen, weil der Befehl aus dem Gehirn aufgrund fehlender Neurotransmitter nicht in den Beinen ankommt.
Oft bewerten wir Menschen als dumm, wenn sie länger brauchen, eine Antwort zu geben oder in einer sozialen Interaktion falsch reagieren.
Das liegt nicht an mangelnder Intelligenz, sondern z.B. an einem langsameren Arbeitsgedächtnis. Das sind nur zwei Beispiele von unzählig vielen.
„Sei doch dankbar dafür, dass du gesund bist und ein gutes Leben hast.“
Psychische Erkrankungen sind vor allem eins: Unsichtbar.
Man sieht Menschen ihren Leidensdruck nicht an, wenn sie keine sichtbaren Narben davongetragen haben.
Vom Äußeren wie eine vermeintlich nette Familie, einen gut bezahlten Job oder eine schöne Wohnung auf ein gutes Leben zu schließen, verzerrt die Wahrnehmung.
Niemand kann in ein fremdes Gehirn hereinschauen.
Also kann niemand bewerten, wie es einem anderen wirklich geht.
„Du kannst das nicht als Ausrede für alles benutzen.“
Doch, kann ich schon, weil es einen Einfluss auf alle Teilbereiche meines Lebens hat. Es ist keine Ausrede, sondern ein Erklärungsansatz.
Ein Gesprächsangebot und eine Einladung, mich besser zu verstehen.
Ein Plädoyer dafür, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen die gesellschaftliche Teilhabe und der Berufsalltag erleichtert oder zumindest nicht durch Diskriminierung erschwert wird.
Wenn du bis hierhin gelesen hast, lasse gerne ein Herz da.
Oder erzähle von deinem eigenen Umgang mit Vorurteilen.
Ich freue mich auf den Austausch mit euch!

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