Aus der Asche in den Wind

Die Zeit zieht an mir vorbei, sie berührt mich nur selten, viel zu oft vergesse ich mich. Zeit verliert an Bedeutung, wenn man schon so viele Leben gelebt hat wie ich. Zeit ist ein Konstrukt für die Sterblichen, es schafft Ordnung in einem Universum voller Chaos. Doch letztendlich ist ein Leben so kurz im Vergleich zu dem Baum des Lebens, so bedeutungslos wie ein Sandkorn im Wind, nur ein Wimpernschlag in der Geschichte der Welt. Man werfe mir Verdrossenheit vor und man möge Recht behalten, doch nur wenige können nachvollziehen, wie es ist, solange zu leben. Nur wenige fühlen meinen Schmerz, denn sie sterben nur einen kleinen Tod. Der Tod hat mich schon unzählige Male in die Arme genommen, hat mich vergessen lassen, wo ein Leben beginnt und ein anderes endet.

Es fällt mir immer schwerer, meinem nun schon wohl hundertsten Leben einen Sinn zu geben. So viel habe ich gesehen, die ganze Welt bereist. So viele Wesen getroffen, begleitet, ihre kurzen Leben gestreift. Wie soll ich jemals wieder eine Bedeutung sehen in diesem ewigen Zyklus des Lebens? Niemand kann wirklich begreifen, wie es ist, sich von seinen sterblichen Überresten zu befreien. Und so ziehe ich meine Kreise, fliege als Weltenwanderer hinfort und suche immer noch nach einem besseren Ort. Ein Ort, der meine Schmerzen lindert. Ein Zuhause, dass ich längst verloren habe. Eine Zuflucht vor der unheilbar kranken Welt. Eine schon lange nicht mehr gespürte Geborgenheit. Doch genauso wie sich ein sterbliches Wesen nicht vom Tod befreien kann, genauso wenig kann ich mich von diesem ewigen Zyklus befreien. Ein Kreis hat schließlich keinen Ausgangspunkt, kein Ende, kein Ausweg.

Wenn es wieder soweit ist, werden die Flammen meines Inneren mich erneut verschlingen. Ich werde verbrennen, bis nichts als ein Häufchen Asche von mir übrig ist. Die Ascheflocken erheben sich in den Wind und er trägt mich durch die Lüfte, wie meine Schwingen zuvor. Jeder Tod ist ein neuer Anfang. Meine Wiedergeburt ist schmerzhaft, doch das haben Geburten so an sich. Schmerz trägt einen ins Leben und auch wieder heraus. Für manche ist Schmerz ein ständiger Wegbegleiter, manchmal nimmt unser Tod uns auch an die Hand. Wie schön es doch wäre, wenn jeder die Gewissheit hätte, ewig zu leben. Wie grausam es doch ist, ewig zu leben. Ich schüttle die Asche von meinem Haupt, recke mich der aufgehenden Sonne entgegen. Der ewige Zyklus des Seins. Stolz spreize ich meine Flügel und erhebe mich aus der Asche in den Wind.

Geschrieben aus der Sicht von Phoenix Fox, ein Charakter aus meinem Fantasybuch “Drachenbrut”



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