Der Wind streifte an manchen Tagen sanft um meinen Stamm. An anderen Tagen heulte er wütend durch meine Krone und ließ meine Äste erzittern. So viele Jahreszeiten habe ich schon erlebt. Diesen ewigen Zyklus immer wieder aufs Neue durchlebt. Mit den Jahren wuchsen meine Ringe. Ich war Zeuge vieler Wesen, die in meinem Heimatwald und auf der benachbarten Wiese lebten.
Die langen Sommer waren am schönsten. Alles was kreucht und fleucht regte sich zu meinen Wurzeln. Der ganze Wald vibrierte vor Lebhaftigkeit. Selbst die heißesten Tage waren durch mein Blattwerk gefiltert angenehm kühl. Viele Wesen suchten Zuflucht in meinem Schatten. Gar so mancher Erdling lehnte sich für ein Schläfchen an meinen starken Stamm. Die Düfte versprachen einen ewigen Sommer, doch immer wieder zog der Herbst ein. Mit jedem Herbst starb ich ein bisschen mehr. Andere erfreuten sich an meinem bunten Gewand. Rot, orange, gelb und rostbraun leuchtete ich im goldenen Licht auf. Doch ich musste immer wieder loslassen. Meine Last an Blättern loswerden, sodass sie zur Erde zurückkehrten. Und so verlor ich meine Farbenpracht und gab Mutter Erde wieder, was sie mir einst geliehen.
Die Winter waren karg und ereignislos. Viele Tiere verschliefen den Winter in ihren Verstecken. Meine kahlen Äste reckten sich klagend gen Himmel. Schnee bedeckte die karg gewordene Landschaft, hüllte mich in ein bezaubernd glitzerndes weiß. Ich hielt Wind und Wetter stand, wenngleich mancher Sturm versuchte, mich zu entwurzeln. Es war kalt, so kalt.
Doch immer wieder kam ein neuer Frühling. Wenn die ersten Sonnenstrahlen mich wach kitzelten… wenn die Tage wieder länger wurden und sich allerlei Getier in meiner knorrigen Rinde und meiner weit verzweigten Krone einnistete… ja dann, dann hieß ich den Frühling mit offen ausgebreiteten Ästen herzlich willkommen. Er ließ zarte Krokusse an meinen Wurzeln erblühen. Er schenkte mir neue Lebenskraft. Unter einem strahlend blauen Himmel trieben meine Äste aus. Nun war ich wieder grün. Wahrlich prachtvoll anzusehen. Ich erhob mich stolz aus der Landschaft hervor.
Ich verstoffwechselte die Luft, die ihr atmet. All die Jahre habe ich euch selbstlos meinen Dienst erwiesen. Doch in letzter Zeit nehme ich mehr Tod als Leben wahr. Das Wasser reicht nicht mehr für alle. Meine Wurzeln graben immer tiefer nach den letzten Tropfen. Es dürstet mich sehr. Meine ach so grünen Blätter sind mit schwarzem Kohlenstaub überzogen. Jeden Tag verliere ich an Kraft. Ich musste bereits ganze Äste entbehren. Meine Rinde ist befallen von einer gelben Seuche. Kolonien von Pilzen haben sich eingenistet und das doch recht nützliche Getier und Ungeziefer vertrieben.
Ich merke, dass es mit mir zu Ende geht. Fast 1000 Jahre bestehe ich schon. Für viele eine Ewigkeit. Doch in den letzten Jahren bin ich rasch verfallen. Bald werde ich nur noch ein Stück totes Altholz sein. Dann werden die Menschen kommen und mich fällen. Mich von meinem Leiden befreien, das sie verursacht haben. Und mich für ein paar Tacken verscherbeln.
Seht ihr denn nicht, was ihr angerichtet habt? Meine Heimat stirbt. Vögelchen haben mir gezwitschert, dass Wälder überall sterben. Doch die Menschen sind zu gierig. Erst wenn der letzte Baum gefällt, das letzte Grün zu Braun geworden und der letzte Vogel an seinem Gesang erstickt ist. Dann, erst dann werdet ihr begreifen, wie sehr ihr uns zum Leben braucht. Nur wir können Leben erhalten. Wer uns Bäume fällt, nimmt sich die Luft zum Atmen.
Menschen, seid euch dieser Wahrheit bewusst: Wenn wir Bäume sterben, sterbt ihr auch.
Diese Kurzgeschichte erzählt die Sicht von Yggdrasil, der Lebensbaum in meinem Fantasybuch Drachenbrut.

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