Feuerfest

Ich habe überlebt, denn ich bin feuerfest.

Meine Lider schnellen aus ihrer Versenkung hervor. Altbekannte Dunkelheit empfängt mich. In Gedanken fliege ich zurück. Zurück zu dem Tag, an dem das Feuer tobte, bis sich der Rauch legte. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Beschämt senke ich mein Haupt. Ich konnte sie nicht retten. Wieso konnte ich sie nicht retten? Aber ich war doch noch so klein. Nur ein verängstigtes Drachenmädchen im Angesicht ihrer Blutrache. Verloren in dieser grausamen Welt.

Doch ich habe überlebt, dank des Feuers in mir. Ich habe ihr Feuerfest überlebt, denn ich bin feuerfest. Welch Ironie! Ein heiseres Lachen steigt aus meiner Kehle empor, doch erstickt sogleich. Verächtlich spucke ich aus. Es sind doch nur Erinnerungen voller Schall und Rauch.

Immer, wenn die Sonne tief steht, fliege ich mit dem Wind. Breite meine beschuppten Schwingen auseinander und gebe mich der Freiheit hin. Fliege dem verglühenden Himmel entgegen. Bis die Mondgöttin das Rot verdrängt und den sternbesäten Himmel entblößt. Tief ein und ausatmen.

Ein feiner Rauchfaden entfährt meinen Nüstern. Eines Tages werde ich all das lodernde Feuer in mir über ihre erbärmlichen Leben ausatmen. Alles wird lichterloh brennen. Es braucht nur einen Funken. Den Funken, der seit jenem schicksalhaften Tag in mir zündelt. Seit Jahren sitze ich schon auf glühenden Kohlen. Unfähig, meine Kraft zu gebrauchen. Doch der Tag wird kommen, an dem ich den Himmel feuerrot färben werde.

Ich habe überlebt—überlebt—ich habe überlebt. Denn ich bin feuerfest—feuerfest—ich bin feuerfest. Meine Familie war es nicht.

Diese Kurzgeschichte ist erzählt aus der Sicht von dem Drachenmädchen Enya, die Protagonistin meines Fantasybuchs „Drachenbrut“.



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