Nur zu Besuch

Ich bin auf dieser Welt nur zu Besuch.

Ich stelle meinen Koffer mal wieder in einem Hotel ab. Hotelzimmer sehen alle gleich aus: ein miefiges Sofa in der Ecke, ein Bett mit zu straff gespannten weißen Laken über einer plastikbeschichteten Matratze. Quadratische Kissen mit sinnlosen Sprüchen, ein beruhigendes Bild von einem Strand oder einem Blumenstilleben. Eine obligatorische ungelesene Bibel im Nachtkästchen, abgepackte Seifchen im Bad. So viele Menschen vor mir haben sich hier schon aufgehalten, meistens auf Durchreise wie ich. Dennoch fehlt dem Zimmer jegliches Leben. Es wirkt wie kahle Äste an einem kalten Wintertag. Hätte ich noch persönliche Gegenstände, würde ich sie auf die kleine Kommode stellen, um die Illusion eines Zuhauses zu erzeugen.

Ich hatte mir das Leben im Untergrund glamouröser vorgestellt. Na ja, zumindest aufregender. Ich bin schon so lange unterwegs, überall nur zu Besuch … beinahe habe ich vergessen, wovor ich fliehe. Aber ich muss achtsam bleiben! Langweile und Trägheit könnten tödlich enden. Mit Schaudern erinnere ich mich an das Verschwinden meiner Mitstreiterin. Sie war bei Bekannten untergetaucht, wog sich in Sicherheit wie ein Baby auf dem Arm seiner Mutter. Verrat hat einen metallischen Beigeschmack. Ich habe sie nie wieder gesehen. Manchmal frage ich mich, ob sie noch lebt. Kopfschüttelnd schiebe ich die unliebsamen Gedanken zur Seite und konzentriere mich auf die nächsten Schritte.

Trotzig hebe ich mein Kinn, denn ich bin Rebellin, mit Grund. Es ist richtig, was ich tue—ach, was, es ist sogar notwendig! Widerstand ist notwendig in einer Gesellschaft, die mehr Lügen als Wahrheit bietet. Wir müssen uns dem Ziel der Wahrheitsfindung unterordnen. Jedes erbrachte Opfer bringt uns einen Schritt näher zum Ziel.

Mit zittrigen Fingern rolle ich den Plan auf dem Bett aus. Eine gute Vorbereitung entscheidet über Erfolg oder Misslingen unserer Mission. Stumm wiederhole ich unser Regelwerk.

Erste Regel: Der Zweck heiligt die Mittel und Gewalt ist ein Mittel zum Zweck.

Zweite Regel: Kein Privatbesitz, keine persönlichen Beziehungen, keine Identität außerhalb des Kollektivs.

Dritte Regel: Gewalt erzeugt Gegengewalt, wir handeln nur aus Notwehr.

Und die letzte, inoffizielle Regel, die uns die Angst nehmen soll, falls doch was schiefgeht: Ich bin auf dieser Welt nur zu Besuch.

Dabei bin ich es so leid, überall nur zu Besuch zu sein. Lasst mich endlich nach Hause gehen (wo auch immer das ist). Es ist Zeit, aufzubrechen. Ich schenke dem leeren Hotelzimmer einen letzten Blick und hoffe, dass es nicht das letzte Zimmer ist, was ich sehe. Ein letzter, tiefer Atemzug. Vielleicht kann ich nach dieser Mission endlich nach Hause.



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