Auf leisen Sohlen

Auf leisen Sohlen schlich die Bedrohung heran…

Es knackt und knistert. Ich stolpere durch den Wald. Klagend ragen die kahlen Äste nach oben, zu fassen nichts als Dunstschwaden. Wie Speerspitzen stehen die Tannenwipfel ab. Mein Blick huscht unruhig übers Gestrüpp. Der vereiste Boden gibt kaum nach, hart schlagen meine Schuhsohlen beim Laufen auf. Etwas liegt in der Luft. Etwas Bedrohliches? Die Dämmerung legt sich wie ein schweres Tuch über den Wald. Ich erkenne kaum noch den Trampelpfad vor mir. Gelbe Augen blitzen aus dem Unterholz hervor. Ich weiche instinktiv zurück, doch es war nur ein kleines Tier. Ein Fuchs vielleicht. Schwer atmend halte ich inne und schaue auf meine Smart Watch. Sieben Kilometer! Ein neuer Rekord. Ich gehe in die Knie und atme durch, verharre kurz. Es knackt und knistert. Meine Nackenhaare stellen sich auf, ich schieße hoch. Wieder nur ein Tier? Nein, das Geräusch kenne ich doch! Es sind Schuhsohlen, die über einen trockenen Ast laufen, der krachend zusammen bricht. Aber es sind nicht meine Schuhsohlen.

Bin ich doch nicht alleine im Wald? Ruhig, bleib ruhig, es ist vermutlich nur ein anderer Läufer. Hustend atme ich aus. Seltsam, ich habe gar nicht bemerkt, dass ich die Luft angehalten habe. Ein Blick auf meine Smart Watch verrät mir, dass mein Puls auf 180 gestiegen ist. Ruhig Blut, ermahne ich mich. Es ist bestimmt nichts. Doch mein Bauchgefühl sagt mir was anderes. Auf leisen Sohlen schleicht eine Bedrohung heran. Aus welcher Richtung? Ich weiß es nicht, der Wald schweigt wieder. Suchend drehe ich mich um die eigene Achse, doch es ist bereits zu dunkel, um irgendwas zu erkennen. Nur Schemen und Schatten umgeben mich. Plötzlich werde ich von hinten gepackt. Eine behandschuhte Hand legt sich über meinen Mund und erstickt den Schrei, der sich aus meiner Kehle bahnt. Ich schlage wild um mich, doch mein Angreifer packt meine Handgelenke und verdrehter sie schmerzhaft auf den Rücken. Was passiert gerade? Wieso passiert das mir? Sowas passiert doch nur in Krimis! Was soll das? Ist das mein Ende? Warum bin ich nicht weggelaufen? Ein letzter Schmerz durchzuckt meinen Körper, dann sacke ich zusammen.

„Herbert, schau mal! Da liegt doch was Glänzendes im Schnee!“ Sie deutet in die Richtung. „Fiffi, bei Fuß!“ pfeift sie den Hund zurück. Doch der Dackel hat sich bereits los gerissen und rennt auf leisen Pfoten ins Unterholz. „Ach Gundula, warum hast du ihn nicht festgehalten? Jetzt muss ich ihn holen gehen! Das machen meine alten Knochen doch nicht mit!“, schimpft Herbert und stapft dem Hund hinterher. Fiffi eilt bereits mit einem Fundstück im Maul zurück. Ehrerbietig legt er es vor Gundulas Füße ab. „Was hat er da?“, ruft Herbert. Sie bückt sich klagend und hebt es auf. „Das ist so ein neumodisches Ding! So eine komische Uhr. SmärtWotsch heißt das doch“, erklärt sie ihrem Gatten. Doch der blickt sie nur kreidebleich und ausdruckslos an. „Was hast du denn?“ Er zeigt mit zitternden Fingern ins Unterholz. „Mein Gundulein … Da liegt … Da liegt eine Leiche!“ Schockiert presst sie sich die Hand vor den Mund. Sie hält immer noch die Smart Watch in der Hand. Letzte Aufzeichnung eines Pulses: 18:19 Uhr. Später hilft diese Aufzeichnung der Polizei, den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen.



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